Open House Wien: Wenn verschlossene Türen sich öffnen

Innenansicht der ehemaligen k. k. priv. Länderbank in Wien

Wien bietet eine riesige Anzahl an Gebäuden mit historischer und moderner Architektur – viele Häuser sind aber nur für wenige Menschen wie Arbeiter, Büroangestellte oder Bewohner zugänglich und von innen zu bewundern. Seit 2014 sorgt der gemeinnützige Verein OPEN HOUSE WIEN dafür, dass sich die Türen zu Dutzenden verschlossenen architektonischen Schätzen für die Allgemeinheit öffnen. In diesem Artikel möchte ich euch meine Entdeckungen zu Open House Wien 2016 vorstellen.

Prospekte von Open House Wien 2016

Der Verein Open House

Das Projekt, Architektur an einem Wochenende im Jahr für jedermann spürbar zu machen, hat seinen Ursprung 1992 in London. Seit damals haben sich über die Jahre hinweg immer mehr Städte auf der ganzen Welt angeschlossen, 2016 sind es bereits 32. Als Besucher hat man die Gelegenheit, unterschiedlichste Arten von Architektur zu sehen: Privatwohnungen, Bildungseinrichtungen, Bürogebäude sowie Gewerbe- und Industriebauten. Sie alle eint eine Gemeinsamkeit – es sind normalerweise für die Allgemeinheit verschlossene Häuser. Ich habe für das Wochenende 10./11. September 2016 eine Auswahl von 82 Gebäuden von Open House Wien durchforstet und mich schlussendlich für eine Besichtigung von sechs Projekten entschieden.

HINWEIS

Open House VolunteerDas Projekt Open House lebt von seinen hunderten Freiwilligen, die für eine reibungslose Durchführung und Abwicklung der Besucherströme sorgen und teilweise auch selbst die Führungen leiten. Alleine in Wien waren 2016 rund 250 Freiwillige im Einsatz, denen ich hiermit für ihre Leidenschaft und ihre Zeit danke!

 

 

WEITERE ARTIKEL ZU OPEN HOUSE WIEN

Bei OPEN HOUSE 2017 habe ich erneut sechs interessante Gebäude in Wien besichtigt und einen Artikel darüber verfasst. Darin erfahrt ihr mehr über das Börsegebäude, die ehemalige Böhmische Hofkanzlei, den Bridge Club, den Gasometer, die futuristische ÖAMTC-Zentrale und die Österreichische Postsparkasse von Otto Wagner.
Hier geht es zum Blogbeitrag: Open House Wien 2017: Sesam, öffne dich!

Bei OPEN HOUSE 2018 habe ich in einem Blogbeitrag die folgenden sechs Gebäude in Wien beschrieben: den Ringturm, das WU Campus Library and Learning Center, den Wohnpark Alterlaa, das Billrothhaus und das Italienische Kulturinstitut.
Hier geht es zum Blogbeitrag: Fünf Jahre Open House Wien

 


Innenansicht der ehemaligen k. k. priv. Länderbank in Wien

k.k. priv. Länderbank

Fakten

Architekt: Otto Wagner
Baujahr: 1883-1884
Adresse: Hohenstaufengasse 3, 1010 Wien
Mehr Informationen zu Otto Wagner im Architektenlexikon

Geniales Haus von Otto Wagner

Bilder des ehemaligen Amtsgebäudes der k. k. privilegierten Österreichischen Länderbank kannte ich schon lange aus dem Internet, weswegen ich die Chance sofort ergriffen habe, an einer Führung durch das Haus teilzunehmen. Gleich vorweg: das Gebäude zählt nun zu meinen absoluten Topfavoriten, was Architektur in Wien angeht. Heute werden die Räumlichkeiten vom Bundeskanzleramt (Sektion III) und der Datenschutzkommission genutzt, wodurch es für die Öffentlichkeit unter dem Jahr so gut wie unmöglich ist, jemals einen Blick in das Haus zu werfen – aber hier kommt Open House Wien dankend zu Hilfe! 🙂

Erstes modernes Bürogebäude

Kurz zur Geschichte: Die 1884 fertiggestellte Länderbank war Otto Wagners erster Auftrag aus öffentlicher Hand und wird zugleich als das erste moderne Bürogebäude Wiens bezeichnet. Auffallend ist der geknickte Grundriss, den Wagner mittels runder Vorhalle elegant zur Verteilung in die verschiedenen Bereiche genutzt hat. Das architektonische Highlight ist die lichtdurchflutete Kassenhalle, in der man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Für mich als Stiegenhaus-Enthusiast ein weiterer Höhepunkt ist das Treppenhaus, das offensichtlich dem in der 20 Jahre später erbauten Postsparkasse (ein weiterer Prunkbau von Wagner!) als Vorbild diente.

Fotospots

 


Außenansicht des OMV Headoffice in Wien

OMV Headoffice

Fakten

Architekten: henke und schreieck Architekten (Hoch Zwei), Martin Kohlbauer (Plus Zwei)
Baujahr: 2007-2009
Adresse: Trabrennstraße 6-8, 1020 Wien
Mehr Information zum Gebäude inklusive Interview mit Architekt Dieter Henke im OMV Blog

Biegsame Architektur

Mit der Verlängerung der U-Bahn-Linie U2 zum Stadion 2008 wurde gleichzeitig auch das Entwicklungsgebiet „Viertel Zwei“ zwischen dem Messegelände und dem Ernst-Happel-Stadion in Angriff genommen. Die Zentrale des österreichischen Öl- und Gasunternehmens OMV thront mit einem 80 Meter hohen, geschwungenem Turm über den anderen Gebäuden (Hotel, Büros und Wohnungen), die teilweise dem Grundriss des OMV-Glasbaus ähneln und somit ein stimmiges Gesamtkonzept ergeben.

Herrlicher Ausblick auf Wien

Im OMV Headoffice hatte ich das Glück, einer Fachführung mit dem Architekten Dieter Henke beizuwohnen, der gleich zu Beginn im Foyer ausführliche Details über die Planungsphase und zu meisternde Schwierigkeiten erklärte. Beim Rundgang durch das Gebäude wurde zuerst der relativ flache Zubau inklusive Dachterrasse besichtigt. Bereits hier war der Ausblick auf Wien genial, es sollte aber noch besser kommen. Nach einem kurzen Abstecher in die Kantine ging es ab in den 23. Stock in die Skylounge, wo die Aussicht natürlich um ein Vielfaches spektakulärer war.

Fotospots

 


Büroräume in der ÖBB Unternehmenszentrale

ÖBB Unternehmenszentrale

Fakten

Architekt: Zechner & Zechner ZT GmbH
Baujahr: 2012-2014
Adresse: Am Hauptbahnhof 2, 1100 Wien
Mehr Information zum Gebäude auf Architonic

Büroturm neben Hauptbahnhof

Als Pressefotograf habe ich den Fortschritt des Großbauprojektes „Wien Hauptbahnhof“ über die Jahre intensiv begleitet. Deshalb war es für mich auch etwas Besonderes, das junge Gebäude der ÖBB Unternehmenszentrale nach der Fertigstellung auch einmal von innen erleben zu können. Der 88 Meter hohe Turm direkt neben dem markanten rautenförmigen Dach des Hauptbahnhofs wurde in seiner gerundeten Form einem Hochgeschwindigkeitszug nachempfunden – mir gefällt es.

Viel Grün und Freiraum

Im Zuge einer rund 30-minütigen Führung wurden drei Bereiche vorgestellt. Ein großer Raum namens „Open Innovation Center“ stellt die Spielwiese für neue Ideen und potentielle Problemlösungen dar, hier können sich ÖBB-Angestellte und externe Kreative gemeinsam austoben, um das Erlebnis Bahnfahren für Kunden noch besser zu gestalten. Einige Stockwerke weiter oben bekommt man Büroräumlichkeiten zu Gesicht. Das Konzept umfasst viele Pflanzen, offene Flächen und jede Menge mit Landschaftsaufdrucken verschönerte Vorhänge als visuelle Abgrenzung. Die letzte Station begeisterte erneut alle Panorama-Verrückten (wie mich): In der riesigen Skylobby bieten sich wieder Ausblicke auf die Stadt rundherum an, wie man sie selten zu Gesicht bekommt.

Fotospots

 


Innenhof im Lassallehof

Lassallehof

Fakten

Architekten: Hubert Gessner, Hans Paar, Fritz Waage
Baujahr: 1925-1926
Adresse: Lassallestraße 40, 1020 Wien
Mehr Information zum Lassallehof auf der Seite Das rote Wien

Sehenswerter Hof vor der Reichsbrücke

Den Lassallehof habe ich nach 2014 nun zum zweiten Mal während Open House Wien besucht. Warum? Zum einen, weil der Ausblick vom verglasten Atelier ganz oben auf die Reichsbrücke mit der dahinter aufbäumenden Skyline der Donaucity einfach sensationell ist und man sich nicht sattsehen kann. Außerdem hatte ich 2014 regnerisches Wetter und somit keine besonders schönen Bilder der Skyline.

Beispiel für das „rote Wien“

Der Lassallehof ist einer von vielen Gemeindebauten aus der Ära des „roten Wiens“ in der Zwischenkriegszeit. Die Bauten sollten der Bevölkerung das Leben erleichtern, indem sie gemeinnützige Einrichtungen wie Kindergärten, Waschküchen und Bäder beherbergten. Die Wohnungen selbst wurden äußerst klein von 30-57 m² angelegt, verfügten aber über eigene Wasserleitungen und ein WC. Der Sinn des Ateliers auf dem Dach des Gebäudes wird damit erklärt, dass der Lassallehof ursprünglich schon als von Weitem sichtbares Tor zur Stadt fungieren hätte sollen.

Fotospots

 


Außenansicht des Umspannwerks Favoriten

Umspannwerk Favoriten

Fakten

Architekt: Eugen Kastner, Fritz Waage
Baujahr: 1928-1931
Adresse: Humboldtgasse 1-5, 1100 Wien
Mehr Information zum Gebäude auf der Seite Das Rote Wien

Ein grauer Zweckbau

Schon seit meiner Kindheit ist mir das Umspannwerk Favoriten ein Begriff, denn von außen ist es ein ziemlich hässlicher, grauer Bau. Dennoch hat er immer schon eine Faszination auf mich ausgeübt und ich musste die Gelegenheit nutzen, mittels Open House Wien in das Gebäude zu schauen. Der dreieckige Bau erinnert an die sowjetische Revolutionsarchitektur, welche sich in Wien ansonsten nur spärlich wiederfindet. Während in früheren Zeiten noch bis zu 200 Arbeiter im Haus beschäftigt waren, wird das Umspannwerk heute vollkommen ferngesteuert. Dadurch befindet sich normalerweise kein Mensch im Gebäude – technische Probleme und Wartungszwecke ausgenommen.

Vom Umspannwerk zur Steckdose

Die Führung startet mit einem kurzen Vortrag eines Open House Volunteers zur Geschichte des Industriebaus. Ein Mitarbeiter der Wiener Netze übernimmt dann den Rundgang durch das Haus. Man bekommt furchteinflössende Maschinen zu Gesicht (fotografieren verboten) und erfährt sehr technische Details, wie Hochspannung so umgewandelt wird, dass sie schließlich mit 400 Volt an den Steckdosen in einem Haushalt endet. Hier hätte ich mir doch eher erwartet, dass der Umspannprozess für Laien verständlich anschaulich erklärt wird. Die Architektur des Gebäudes ist dennoch sehenswert und lässt überall nostalgische Gefühle aufkommen. Am Ende der Führung sieht man noch ein Geschoss, das an ein Gefängnis erinnert und auch tatsächlich von der Filmindustrie öfters als Kulisse verwendet wird.

Fotospots

 


Lichthof mit Statue im Kipferlhaus in Wien

Kipferlhaus

Fakten

Architektin: Kerstin Hetfleisch Architektur
Baujahr: vor 1346, Generalsanierung 2010-2012
Adresse: Grünangergasse 8, 1010 Wien
Mehr Information zum Kipferlhaus auf der Seite Wien Geschichte Wiki

Versteckter Schatz mitten in Wien

Das Kipferlhaus befindet sich relativ gut versteckt in einer etwas umständlich erreichbaren, kleinen Gasse hinter dem Wiener Stephansdom. Deshalb war ich etwas überrascht, wie viele Menschen sich dennoch dort bereits eingefunden hatten. Aufgrund der großen Nachfrage wurden sogar alle zehn Minuten Führungen angeboten. Das Haus existiert in der jetzigen Form seit 1707, davor wurde es seit dem 12. Jahrhundert mehrfach aus- und umgebaut. Ursprünglich befand sich eine Bäckerei im Inneren, woran eine Ornamentierung mit Formen verschiedener Backwaren an der Fassade erinnert. Der Legende nach soll das Kipferl mit der Halbmondform zur Verspottung der Türken zur Zeit der Türkenbelagerung  ihren Ursprung haben. Es gibt aber bereits weit davor Nachweise zur Existenz des Kipferls, deshalb dürfte das Kipferlhaus eher wegen seiner qualitativ hochwertigen Backwaren den Namen erhalten haben.

Moderner Weinkeller inklusive

Während der 20-minütigen Führung verbringt man den Hauptteil im über eine Seitengasse zugänglichen zweigeschossigen Keller, der damals als Holzlager verwendet wurde und heute die WineBANK beherbergt. Dabei handelt es sich um ein interessantes Konzept für Weinliebhaber, die nicht nur ihre edlen Tropfen im Keller lagern, sondern auch die Infrastruktur für private oder geschäftliche Zusammenkünfte nutzen können. Um 1.000 Euro im Monat lässt sich sogar eine von drei Lounges mieten, die auf mich allerdings eher den Eindruck einer Gefängniszelle ausgeübt haben. 😉

Fotospots

 

FAZIT

Mein Besuch von sechs ausgewählten Gebäuden in Wien hat sich vollkommen ausgezahlt und mir ein Strahlen ins Gesicht gezaubert. Durch Open House Wien konnte ich endlich einmal in Häuser hinein, die mich schon lange brennend interessierten oder erst vor kurzer Zeit überhaupt erbaut wurden. Die Aussichten auf Wien, die beispielsweise die beiden Bürogebäude der OMV und der ÖBB ermöglichen, sind unbeschreiblich schön. Auch die weiteren Bauwerke erzählten viel über ihre Vergangenheit, was ich als sehr spannend empfand. Im nächsten Jahr bin ich garantiert wieder bei Open House dabei!

 

Erfahrungsbericht über Open House Wien mit den Gebäuden Länderbank, OMV Headoffice, ÖBB-Zentrale, Lassallehof, Umspannwerk Favoriten und KipferlhausErfahrungsbericht über Open House Wien mit den Gebäuden Länderbank, OMV Headoffice, ÖBB-Zentrale, Lassallehof, Umspannwerk Favoriten und Kipferlhaus

Erfahrungsbericht über Open House Wien mit den Gebäuden Länderbank, OMV Headoffice, ÖBB-Zentrale, Lassallehof, Umspannwerk Favoriten und Kipferlhaus

6 Kommentare

  1. Susanna T. sagt: Antworten

    Na so was!! Da war ich letztes WE auch! Sowohl bei der ÖBB als auch im Lasallehof, in der Länderbank war ich schon letztes jahr. Aber ich bin noch am Ausarbeiten meiner Fotos…
    Deine Bilder sind wie immer unerreichbare Highlights!! 🙂
    LG Susanna

    1. Danke Susanna! Hoffe, du warst in den Gebäuden auch so entzückt wie ich! 😉

  2. Martina Muth sagt: Antworten

    Super gemacht! Sehr informativ und interessant zu sehen, was sich hinter den Kulissen der Gebäude abspielt, an denen ich so oft vorbei gehe.

    1. Danke und freut mich, dass ich dir einige Einblicke geben konnte!

  3. […] Bereits bei OPEN HOUSE 2016 habe ich weitere sechs interessante Gebäude in Wien besichtigt und einen Artikel darüber verfasst. Darin erfahrt ihr mehr über die k.k. priv. Länderbank, das OMV Headoffice, die ÖBB Unternehmenszentrale, den Lassallehof, das Umspannwerk Favoriten und das Kipferlhaus. Hier geht es zum Blogbeitrag: Open House Wien: Wenn verschlossene Türen sich öffnen […]

  4. […] Bei OPEN HOUSE 2016 habe ich in einem Blogbeitrag die folgenden sechs Gebäude in Wien beschrieben: die k.k. priv. Länderbank, das OMV Headoffice, die ÖBB Unternehmenszentrale, den Lassallehof, das Umspannwerk Favoriten und das Kipferlhaus. Hier geht es zum Blogbeitrag: Open House Wien: Wenn verschlossene Türen sich öffnen […]

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