Nantes: Eine Stadt erfindet sich neu

Der Grand Elephant in Nantes

Das französische Nantes hat es in der Vergangenheit nicht leicht gehabt. Schwere Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg, der Niedergang der Werftindustrie Ende der 80er-Jahre und eine folgende Rekordarbeitslosigkeit mit vielen sozialen Problemen haben die Stadt hart getroffen. Ein riesiger Elefant aus Metall symbolisiert mittlerweile aber die Verwandlung einer ehemals tristen Großstadt zu einem wahren Kleinod.

NANTES

FAKTEN

Reisezeit: Juni 2016 (2 Tage)
Anreise: Mit dem Mietauto von La Rochelle über die A83 nach Nantes (ca. 1:45 h)
Unterkunft: Hôtel La Pérouse *** (3 Allée Duquesne, zentrales Hotel unmittelbar beim Wolkenkratzer Tour Bretagne bzw. dem Umsteigeknoten Place du Commerce, modern und kühl eingerichtet, gute Betten, gratis WLAN, Frühstück nicht genutzt)

Die weiteren Stationen meiner Frankreich-Reise

Teil 1 // Bordeaux: Wo der Genuss Zuhause ist

Teil 2 // Dune du Pilat: Aufstieg auf Europas höchste Wanderdüne

Teil 3 // La Rochelle und die „weiße Insel“

Teil 4 // Nantes: Eine Stadt erfindet sich neu

Teil 5 // Paris: Sieben Tage zu Gast in Frankreichs Herz (folgt demnächst)

Reiseverlauf (13 Tage): Wien –> Paris Charles de Gaulle (Flug Austrian Airlines) // Paris Charles de Gaulle –> Bordeaux (Zug TGV) // Bordeaux –> Dune du Pilat (Mietauto) // Dune du Pilat –> La Rochelle (Mietauto) // La Rochelle –> Nantes (Mietauto) // Nantes –> Paris Montparnasse (Zug TGV) // Paris Gare de l’Est –> Frankfurt/Main (Zug TGV) // Frankfurt/Main –> Wien (Flug Lufthansa)

 

Im Zuge meiner Frankreich-Reise anlässlich der Fußballeuropameisterschaft 2016 hatte ich zwischen dem ersten (Bordeaux) und zweiten Spielort (Paris) vier Tage Zeit. Da Österreich gleich zwei Spiele in Paris zugelost wurden, „musste“ ich dort sowieso bereits eine knappe Woche verbringen. Deshalb war es für mich klar, nach Bordeaux nicht sofort in die Hauptstadt zu fahren, sondern zuerst noch mehr vom Land zu sehen. Meine Route führte mich von Bordeaux zur Wanderdüne Dune du Pilat, von dort weiter nach La Rochelle und schließlich nach Nantes, wo ich etwas mehr als einen vollen Tag inklusive Übernachtung zur Verfügung hatte.

Warum Nantes? Abgesehen von der strategisch günstigen Lage zwischen La Rochelle und Paris hat mich die Entwicklung der Stadt in den letzten Jahrzehnten beeindruckt. Nachdem Ende der 80er-Jahre die Schiffswerft endgültig Geschichte war, folgten sozial schwere Jahre mit hoher Arbeitslosigkeit und der höchsten Alkoholikerquote Frankreichs. Unter dem 1989 gewählten Bürgermeister Jean-Marc Ayrault entwickelte man ein mutiges Konzept, um den zahlreichen Problemen zu begegnen. Im Mittelpunkt stand die Revitalisierung der fünf Kilometer langen und 337 Hektar großen Île de Nantes. Diese Insel liegt gegenüber der Nantaiser Altstadt und war das Zentrum der alten Schiffswerft. Alte Industrieanlagen wurden in kulturelle Einrichtungen mit zahlreichen neuen Festivals umgewandelt, die Straßenbahn wiederbelebt und der Stadt nationale Verwaltungsaufgaben übertragen. Heute ist vom alten depressiven Flair nichts mehr zu spüren – ganz im Gegenteil.

Blick durch die leuchtenden Ringe auf die Altstadt mit der Basilika Église Notre-Dame-de-Bon-Port

Die ehemalige Schiffswerft

Normalerweise gehe ich davon aus, dass die Altstadt mit interessanten Geschäften und lokalen Restaurants den Höhepunkt einer Städtereise darstellt. In Nantes kann ich aber behaupten: der Höhepunkt der Stadt ist das Kunstprojekt Les Machines de l’Île auf der Insel Île de Nantes und die Umgebung rundherum. Teile der alten Schiffswerft sowie Lagerhallen wurden erhalten, um einerseits die ehemalige Bedeutung dieses Industriezweigs hervorzuheben, andererseits aber durch kulturelle Nutzung neue Impulse für Einheimische und Touristen zu setzen. Am einfachsten gelangt man mit der Straßenbahn Linie 1 (Station Chantiers Navals) und der Überquerung der Brücke Pont Anne de Bretagne zu den Attraktionen. Im Mittelpunkt des Geländes steht der zwölf Meter hohe und 50 Tonnen schwere Grand Eléphant – ein mechanischer Elefant aus Metall, der behäbig, aber mit unglaublich realistischen Bewegungsabläufen durch die Gegend stampft. Die Augen zwinkern, die Kniegelenke fließen harmonisch ineinander und der Rüssel sprüht ab und zu Wasser auf die staunende Menge. Bis zu 45 Menschen finden auf dem Elefanten Platz und werden von einem Fahrer umherkutschiert. Gleich daneben befindet sich ein markantes Karussell und in der angrenzenden Lagerhalle Galerie des Machines sind Dutzende weitere, teils bizarre Geschöpfe (halb Tier, halb Monster) ausgestellt, die alle der Fantasie des Schriftstellers Jules Vernes entsprungen sein könnten (der übrigens in Nantes geboren wurde).

Bewegt man sich Richtung Westen weiter, fällt er einem sofort ins Auge: der Grue Titan. Der knallig gelb lackierte, mächtige Kran erinnert an vergangene Zeiten und ist einfach unglaublich imposant anzusehen. Direkt neben dem Kran kann man die gigantische Stahlbetonrutsche begutachten, mit der fertig gebaute Schiffe in das Wasser gelassen wurden. Folgt man dem Weg um eine Kurve, blickt man entlang des Ufers einer langen Reihe von Kreisen entgegen. Diese kettenartigen Ringe sind ein Kunstwerk von Daniel Buren und ein Mahnmal für den exzessiven Sklavenhandel der Vergangenheit. Entlang des Kais streckt sich der Hangar à bananes (Bananenhangar) in die Länge. Was früher ein Lagerplatz war, ist heute eine Mischung aus Ausstellungsräumen, Restaurants, Bars und einer großen Diskothek. Am Abend versammelt sich hier sehr viel junges Publikum zum Tanzen, Feiern und Spaß haben. Auch das äußerst beliebte Kugelspiel Pétanque (alternativ Boules oder Boccia) wird hier ausgeübt – mit einem Glas Wein in der Hand den Spielern beim Werfen der Kugeln zuzusehen macht einfach Spaß. 😉

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Die Ring-Kunstinstallation wirkt naturgemäß am stärksten ab der Dämmerung, wenn die Kreise bunt zu leuchten beginnen. Positioniert man sich geschickt, bekommt man die am anderen Ufer liegende Basilika Église Notre-Dame-de-Bon-Port perfekt in einen Ring.

Auch ohne Ringe bietet es sich an, das andere Ufer zu fotografieren. Wer kein Stativ dabei hat: die Kamera lässt sich für längere Belichtungen einfach auf das Geländer stellen.

 

Der Wolkenkratzer Tour Bretagne

Tour Bretagne – einst gehasst, jetzt geduldet

Mit seinen 144 Metern Höhe ist das Hochhaus Tour Bretagne nicht nur von vielen Punkten in der Stadt aus sichtbar, sondern außerhalb von Paris auch das dritthöchste Gebäude in Frankreich. Nach den im zweiten Weltkrieg erlittenen Schäden in Nantes sollte der Bau eines repräsentativen Wolkenkratzers die starke wirtschaftliche Bedeutung der Stadt symbolisieren, der Auftrag dazu kam im Jahr 1966. Nach dem Baubeginn 1971 dauerte es fünf Jahre bis zur Eröffnung, die unter keinem guten Stern stand. Viele Büros blieben wegen zu hoher Mieten leer (anscheinend ein zeitloses Phänomen), das Restaurant musste bald wegen technischen Problemen schließen und die Aussichtsplattform wurde nach zahlreichen Selbstmorden für die Öffentlichkeit gesperrt. Nicht nur deshalb, sondern auch wegen seiner architektonischen Hässlichkeit war der Turm in der Bevölkerung verhasst. Es dauerte viele Jahre, bis sich die Akzeptanz besserte und heute ist das Hochhaus zwar immer noch hässlich, aber ein Teil von Nantes. Die Aufzugsfahrt zur Aussichtsterrasse kostet nur 1,- EUR, auf der gleichen Ebene im 32. Stock liegt die Bar Le Nid. Übersetzt lautet der Name „Das Nest“ – passend dazu wird man von einem riesigen Storch und Sitzgelegenheiten in Form von Eiern begrüsst. Eine äußerst nette Idee in meinen Augen, die auch von zahlreichen einheimischen Besuchern offensichtlich angenommen wird. Der 360-Grad-Rundumblick auf die Stadt ist perfekt und durch die Nähe des Flughafens kann man sogar die Flugzeuge relativ nah beim Landeanflug beobachten.

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Die Aussichtsplattform ist zwar eingezäunt, aber selbst mit einem relativ großen Objektiv kommt man problemlos durch die Löcher hindurchfotografieren.

Die Plattform auf dem hässlichen Wolkenkratzer bietet gleich zwei Vorteile: erstens die Aussicht, zweitens der nicht sichtbare Wolkenkratzer. 😉

 

Passage Pommeraye in Nantes

Highlights der Altstadt

Die Innenstadt ist vom touristischen Standpunkt aus gesehen sehr überschaubar, es lässt sich alles zu Fuß erkunden. Hervorzuheben ist das Schloss Nantes (Château des ducs de Bretagne) – die Lage inmitten der Stadt wirkt auf den ersten Blick unwirklich. Das Schloss war ab dem 13. Jahrhundert die Residenz der bretonischen Herzöge und wurde im 16. Jahrhundert zur Residenz der französischen Könige in der Bretagne. Eine Besichtigung von innen war mir aus Zeitgründen nicht möglich. Nur wenige Meter entfernt Richtung Hauptbahnhof kann man einen schnellen Blick auf eines der Wahrzeichen Nantes‘ werfen, den im Jugendstil gebauten Turm Tour Lu der früheren Keksfabrik Lefèvre-Utile (heute übrigens ein Kulturzentrum). Nicht entgehen lassen darf man sich die gotische Kathedrale von Nantes (Cathédrale Saint-Pierre-et-Saint-Paul de Nantes) mit dem Grabmal des französischen Generals und Staatsmanns Lamoricières von 1878 im nördlichen Seitenschiff. Eine ganz besondere Einkaufspassage stellt die Passage Pommeraye dar. Die 1843 eröffnete Passage überwindet über ein monumentales, prachtvoll ausgestattetes Stiegenhaus einen Niveauunterschied von zehn Metern. Die Geschäfte sind bunt gemischt, große oder bekannte Ketten finden sich hier Gott sei Dank nicht. Unweit davon liegt der Place Graslin, auf dem sich das Opernhaus mit schönem Brunnen davor und die berühmte Brasserie La Cigale befinden. Eine Kaffeepause ist hier Pflicht, um den Dekor im schönsten Jugendstil in Ruhe genießen zu können. Die Preise waren übrigens nicht überteuert, was mich positiv überrascht hat.

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ALLGEMEINE TIPPS UND HINWEISE

Öffentliche Verkehrsmittel benötigt man in Nantes eigentlich nur selten, für die Fahrt in der Innenstadt vom oder zum Hauptbahnhof und für einen Besuch der Machines de l’Île ist die Straßenbahn aber doch der bequemere Weg. Ein Fahrschein kostet für eine Stunde 1,60 EUR, die Tageskarte 5,20 EUR. Den Netzplan als PDF findet man auf der französischsprachigen Webseite tan.fr, indem man unterhalb des interaktiven Plans beim ersten Dropdown-Menü „Les plans du réseau“ den Eintrag „Plan du centre-ville de Nantes“ auswählt und auf „Consulter“ klickt.

Wie in jeder anderen französischen Stadt bietet es sich auch in Nantes an, eine der zahlreichen Bäckereien (Boulangeries) aufzusuchen und süße oder pikante lokale Köstlichkeiten zu probieren. Probiert habe ich La Boulangerie D’antan (19 Rue de Verdun, echt französisches Flair!) und La Boulangerie (4 Allée Duquesne, französisches Frühstück) gegenüber meines Hotels. Mein Lieblingsbaguette mit Schinken und Käse (wie kann so etwas Einfaches so gut sein?) hole ich mir gerne von Paul, in Nantes zum Beispiel am Hauptbahnhof situiert. Diese Bäckereikette findet man übrigens auch in zwölf weiteren europäischen und vielen anderen Ländern weltweit.

Ich war nur in einem Restaurant essen, aber das hatte es in sich und verdient das Prädikat Weltklasse. Das Etrillum (22 Rue Armand Brossard) ist klein, eng und dennoch durch die Innendekoration gemütlich. Die offene Küche lässt jederzeit einen Blick hinter die Kulissen zu, ohne dass das Lokal von unangenehmen Geräuschen oder Gerüchen eingedeckt wird. Ich wählte ein zweigängiges Menü mit einem unglaublich erfrischenden Lachstatar und einem derart zarten Oktopus, wie ich ihn noch nie gegessen habe. Dazu eine Flasche Wein und französisches Baguette – Herz (oder Magen), was willst du mehr?

Ein allgemeiner Tipp, wenn ihr in Restaurants 4-7 Euro sparen wollt: bestellt statt einer Flasche (Mineral)Wasser einfach Leitungswasser mit den Worten „Une carafe d’eau, s’il vous plaîts“ („Eine Karaffe Wasser bitte“). Diese ist vom Gesetz her kostenlos und muss vom Kellner gebracht werden.

Wer feiern will, muss unbedingt zum Hangar à bananes auf der Insel Île de Nantes. Entweder in die Diskothek gehen oder einfach im offenen Lokal La Cantine du Voyage à Nantes tanzen, lachen und im Liegestuhl eine Flasche Wein in einem kostenlos erhältlichen Plastikweinkühler mit Eiswürfeln genießen. 😉

Das bereits weiter oben erwähnte, äußerst beliebte Kugelspiel Pétanque begegnet einem immer wieder an verschiedenen Ecken in der Stadt. Dabei wird mit schweren Metallkugeln aus einiger Entfernung versucht, durch Werfen möglichst nahe an eine kleine Zielkugel zu gelangen. Wer das Schauspiel beobachten möchte, begibt sich am besten in einem beliebigen Park oder rund um das Schloss auf die Suche nach spielwütigen Einheimischen.

Zum Zeitpunkt meines Besuchs im Juni 2016 waren in der Innenstadt die zahlreichen, mit Holzplatten abgedeckten Schaufenster bei allen Bankfilialen (und davon gibt es wirklich viele) auffällig. Im Mai davor kam es in mehreren Städten Frankreichs zu massiven Ausschreitungen bei Demonstrationen gegen die geplante Arbeitsmarktreform, viele Fensterscheiben wurden eingeschlagen oder mit Farbbeuteln beworfen.

 

FAZIT

Nantes ist eine wirklich liebenswerte Stadt, die weniger mit spektakulären Sehenswürdigkeiten, sondern sehr stark mit kulturellen Veranstaltungen und Attraktionen auffällt. Wenn man die geschichtliche Entwicklung seit Ende des zweiten Weltkrieges mitbedenkt, ist ein Besuch und das Erleben der Stadt gleich nochmals intensiver und erstaunlicher. Mein Aufenthalt war definitiv zu kurz, ich empfehle ein langes Wochenende von Freitag bis Sonntag, um Nantes die Zeit zu schenken, die es verdient.

 

4 Kommentare

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  4. […] Jahren in eine kulturelle Perle verwandelt hat, verdient höchsten Respekt und viele Besucher! Nantes: Eine Stadt erfindet sich neu […]

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