Wiener Highlights: Das Jörgerbad

Die Jugendstil-Schwimmhalle im Jörgerbad in Wien

Wien mangelt es ja wahrlich nicht an historisch bedeutsamen Gebäuden, die in der Geschichte eine große Rolle spielten. In diesem Blogbeitrag stelle ich euch genau solch ein wichtiges Bauwerk vor, allerdings in einem Zusammenhang, den ihr wohl nicht erwartet. Das Jörgerbad ist nicht nur das älteste bestehende Bad in Wien, sondern auch ein Synonym für die Linderung des hygienischen Elends, unter dem die Bevölkerung Ende des 19. Jahrhunderts leiden musste. Folgt mir in diesem Fotobericht in das Innere des imposanten Hallenbads in Wien!

Dieser Artikel wurde zuletzt am 26. März 2019 aktualisiert.

Das Jörgerbad

FAKTEN

Baujahr: 1912-14
Architekten: Friedrich Jäckel, Heinrich Goldemund, Franz Wejmola
Baustil: Historismus und Jugendstil
Adresse: Jörgerstraße 42-44, 1170 Wien
Erreichbarkeit: U-Bahn U6 (Station Alser Straße, dann 10 Minuten Fußweg); Straßenbahn 43 (Station Palffygasse oder Elternleinplatz), Straßenbahn 9 (Station Elternleinplatz)
Öffnungszeiten und Preise: Alle Infos dazu auf der Webseite wien.gv.at

Wiener Highlights

Mit der Artikelserie „Wiener Highlights“ stelle ich euch die schönsten Orte sowie Gebäude meiner Heimatstadt Wien von innen und außen im Detail vor. Hier könnt ihr die bisher erschienenen Beiträge ansehen:

DAS PARLAMENT, DAS RATHAUS, DIE STAATSOPER, DAS BURGTHEATER, DAS AMALIENBAD, DAS JÖRGERBAD, DER ZENTRALFRIEDHOF

 

Die Jugendstil-Schwimmhalle im Jörgerbad in Wien

Das Jörgerbad – ein Wiener Original

Das Jörgerbad befindet sich im 17. Wiener Gemeindebezirk (Hernals) und ist mit Sicherheit der Ort, wo viele Wienerinnen und Wiener ihre ersten Schwimmerfahrungen gemacht haben. Auch ich war als Kleinkind mit Schwimmflügerl in dieser Schwimmhalle, auch wenn meine Erinnerungen daran eher spärlich sind. 😉 So geläufig das Jörgerbad bei den Einheimischen und vor allem jungen Familien ist, so unbekannt dürfte es Touristen erscheinen. Weder liegt das Gebäude zentral, noch haben Gäste ein Schwimmbad auf ihrer To-do-Liste, wenn darauf schon Highlights wie Schönbrunn, der Stephansdom oder die Hofburg stehen. Meine folgenden Fotos könnten aber den ein oder anderen von euch doch animieren, dem Bad einmal einen Besuch abzustatten!

Vom sanitären Elend zur körperlichen Pflege

Wir schreiben die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Stadt Wien ab 1870 durch die fortschreitende Industrialisierung und dem damit erfolgenden Zuzug Zehntausender Arbeiter einen enormen Bevölkerungsschub erfuhr. Die Quartiere der Arbeiter waren in einem katastrophalen Zustand mit mangelhaften oder keinerlei sanitären Einrichtungen. Auch im Hinblick auf die hohen Kosten für Krankenhäuser beschloss die Wiener Stadtregierung 1886, in allen Bezirken Volksbäder für mehr Körperhygiene und Gesundheit zu bauen. Diese sogenannten Brausebäder bekamen schnell den bis heute gängigen Spitznamen „Tröpferlbad“, welcher auf den spärlichen Wasserdruck durch Engpässe bei der Wasserversorgung zurückzuführen ist. Jedenfalls stellten diese Bäder für die Menschen eine günstige Möglichkeit dar, eine Dusche oder – für viele erstmals in ihrem Leben – ein Wannenbad zu nehmen.

Die Geschichte des Jörgerbads

Dass die Volksbäder nur der erste Anfang in der Hygienoffensive sein würden, erkannten mehrere Politiker – darunter vor allem der Wiener Obermagistralrat Karl Hanisch. Zwar gab es in Wien zu dieser Zeit bereits private Hallenbäder, allerdings in keiner günstigen Preisklasse. Dieser Umstand war der Startschuss für den Bau der städtischen Bäder und das Jörgerbad sollte das erste dieser Art sein. Die feierliche Eröffnung erfolgte am 22. Mai 1914, damals allerdings noch unter dem Namen „Kaiser-Franz-Josef-Bad der Stadt Wien“. Den aktuellen Namen erhielt das Schwimmbad erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zerfall der Monarchie, als sich der wegen der Lage an der Jörgerstraße ohnehin schon lange unter der Bevölkerung gängige Name „Jörgerbad“ endgültig durchsetzte.

Leistbares „Luxusbad“ für die Arbeiterklasse

Das Jörgerbad bot für eine breite Bevölkerungsschicht erstmals die Gelegenheit, zu leistbaren Preisen komfortable Körperpflege und Entspannung zu betreiben. Im Bad waren Dutzende Wannenbäder sowie Duschen, Dampfbäder, ein Sonnen- und Luftbad, Räumlichkeiten für die Haar-, Bart- und Fußpflege untergebracht – nicht zu vergessen natürlich die große Schwimmhalle mit eigenem Kinderbecken, was damals ein Novum darstellte. Aus architektonischer Sicht entsprach das Jörgerbad einem topmodernen Bau: neben der neuen Bauweise mit Stahlbeton ließ sich das große Dach der Schwimmhalle öffnen. Die Mischung aus Historismus und Jugendstil verlieh dem Gebäude das bis heute gültige Image des „schönsten Bades Wiens“. Aus meiner Sicht kann man darüber streiten, denn das Amalienbad im 10. Bezirk steht dem Jörgerbad in Sachen Schönheit um nichts nach!

Außenansicht des Jörgerbads in Wien
Die Außenansicht des Jörgerbads lässt noch nicht erahnen, welcher architektonische Schatz sich den Besucherinnen und Besuchern im Inneren präsentiert.
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Foyer im Jörgerbad in Wien
Gleich nach dem Betreten sollte man als Gast kurz stehenbleiben und sich das Foyer genauer ansehen. An den Wänden finden sich historische Aufnahmen anlässlich des 100. Jahrestages des Bads im Jahr 2014 und zwei Gedenktafeln. Herausstechend sind weiters die bunten Glasfenster in den Türen und auch die wunderschöne Decke zieht Aufmerksamkeit auf sich.
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Aufenthaltsbereich im Jörgerbad in Wien
Ein offener Bereich zwischen Kassa, Badeleitung und Getränkeautomaten versprüht noch das Flair der 70er-Jahre, als das Jörgerbad baulich erneuert wurde.
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Große Schwimmhalle im Jörgerbad in Wien
Ich denke es ergeht jedem ähnlich wie mir, als ich dann endlich die große Schwimmhalle betreten konnte – ein umwerfendes Gesamtkunstwerk!
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Seitengang in der Großen Schwimmhalle im Jörgerbad in Wien
In den Seitengängen findet sich noch eine nostalgisch anmutende Waage, die sich perfekt in das Bild einfügt.
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Große Schwimmhalle im Jörgerbad in Wien
Das Glasdach war zum Zeitpunkt der Eröffnung eine Novität in Europa: es konnte auf 9×15 Meter geöffnet werden und Frischluft sowie Sonnenschein in das Hallenbad leiten. Mit der Renovierung in den 70er-Jahren wurde diese Möglichkeit aber entfernt, da die mechanischen Teile einfach zu wartungsintensiv und teuer waren.
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Große Schwimmhalle im Jörgerbad in Wien
Das Seitenprofil der Großen Schwimmhalle im Jörgerbad kann sich auch sehen lassen. Besonders attraktiv finde ich die liebevollen blauen Geländer.
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Rutsche in der Großen Schwimmhalle im Jörgerbad in Wien
Im Jahr 2000 gab es für Kinder Grund zum jubeln, als eine Rutsche installiert wurde. Diese startet vom Obergeschoss der Großen Schwimmhalle und verläuft im Außenbereich über den benachbarten Pezzlpark, um dann wieder in der Schwimmhalle zu enden. Im Pezzlpark befand sich übrigens schon lange ein eigenständiges Kinderfreibad, welches inklusive seiner attraktiven Parklandschaft schließlich in das Jörgerbad integriert wurde. So kann man im Sommer inmitten des Großstadtdschungels auch sonnenbaden.
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Große Schwimmhalle im Jörgerbad in Wien
Dieses Foto aus dem Obergeschoss zeigt euch nochmals besser das einstmals innovative Glasdach. Auch wenn es sich nicht mehr öffnen lässt, trägt es weiterhin zum außergewöhnlichen Flair im Jörgerbad bei.
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Treppenhaus im Jörgerbad in Wien
Fast übersehen könnte man das Treppenhaus beim Foyer, das in den Zwischengeschossen mit detailverliebten Glasfenstern ausgeschmückt ist.
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Saunabereich im Jörgerbad in Wien
Ich wollte auch unbedingt einen Blick in den Saunabereich des Jörgerbads werfen. Entgegen meiner Erwartung ist dort die Ausgestaltung allerdings nicht so kreativ wie in der Großen Schwimmhalle oder im an römische Dampfbäder erinnernden Amalienbad im 10. Bezirk.
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Saunabereich im Jörgerbad in Wien
Die Saunen selbst sind jedenfalls geräumig und einladend.
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Saunabereich im Jörgerbad in Wien
Als gewöhnungsbedürftig, aber doch irgendwie spannend, habe ich die Wandfliesen bei den Kaltbecken im Saunabereich empfunden. Würdet ihr euer Badezimmer auch so gestalten? 😉
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Saunabereich im Jörgerbad in Wien
Besonders belustigt hat mich die in die Jahre gekommene Sprache auf einem Hinweisschild. 😉
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Quellenverzeichnis:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/J%C3%B6rgerbad
https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20140522_OTS0161/100-jahre-joergerbad
https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wien/stadtleben/632132_100-Jahre-Badefreuden.html
https://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/727721/Wiens-letzte-Troepferlbaeder

FAZIT

Das Jörgerbad zählt zu den schönsten Bauwerken Wiens, auch wenn es in der Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen wird wie andere geschichtlich bedeutsamere Gebäude. Für die Bevölkerung Ende des 19. Jahrhunderts stellte das Bad allerdings eine immense Aufwertung der Lebensqualität dar und ermöglichte erstmals auch der Arbeiterklasse, sich der körperlichen Hygiene zu widmen. Während das Gebäude von außen noch im historistischen Stil eher unauffällig wirkt, erstrahlt es im Inneren mit schönsten Jugendstilelementen. Dadurch zählt das Jörgerbad bis heute nicht nur als ältestes noch bestehendes Bad, sondern weiterhin als schönstes Bad Wiens. Am besten macht ihr euch einmal selbst ein Bild davon und schreibt mir dann einen Kommentar, wie es euch gefallen hat! 🙂

 

Jörgerbad in Wien: Architektonischer Einblick mit Fotos der großen Schwimmhalle, der Jugendstil-Ausstattung und weiteren Eindrücken.Jörgerbad in Wien: Architektonischer Einblick mit Fotos der großen Schwimmhalle, der Jugendstil-Ausstattung und weiteren Eindrücken.

4 Kommentare

  1. Tamara sagt: Antworten

    Lieber Christian,

    ich finde diesen Artikel zum Jörgerbad in Wien recht interessant. So ein Gebäude mit Jugendstilelementen findet man nicht mehr wirklich, deshalb finde ich das ein tolles Schmuckstück. Auch wenn es etwas gewöhnungsbedürftig ist, mit der Kombination der Farben. Aber ein wirklich schönes Gebäude! Und die Stadt Wien ist ebenso schön. Letztes Jahr waren wir in Südtirol und hatten dort unseren Urlaub verbracht, doch für den nächsten Urlaub lassen wir uns diese Stadt mit Sicherheit durch den Kopf gehen. Und wer weiß, vielleicht werden wir dieses Bad einmal aus der Nähe betrachten!

    Danke für diesen interessanten Beitrag!

    Gruß,
    Tamara

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